Anmerkung: Bislang steht auf dem Seminar der „falsche” Titel „Wir und die Welt: Gemeinschaft, Universalismus und kulturelle Zukunftsentwürfe”. Der richtige Titel lautet: „Queer Temporalities”. Im Kern geht es dabei immer noch auch um das Thema „Wir und die Welt: Gemeinschaft, Universalismus und kulturelle Zukunftsentwürfe”, aber auf Fragen der Zeitlichkeit fokussiert.
Wie wird Zeit erfahren, erzählt und politisch wirksam – und wer darf in dominanten Zeitordnungen sichtbar werden? Das Seminar widmet sich dem Konzept der queeren Temporalität und untersucht, wie Literatur, Theorie und Kultur in Mittel- und Osteuropa normative Vorstellungen von Zeit, Entwicklung, Fortschritt und Zukunft unterlaufen, verzögern oder verweigern. Im Fokus stehen Texte und ästhetische Formen, die sich nicht-linearer Zeitlichkeit, Unterbrechung, Stillstand, Wiederholung oder Anachronismus bedienen und dadurch alternative Formen von Subjektivität, Erinnerung und Zugehörigkeit entwerfen. Ausgehend von theoretischen Ansätzen der Queer Theory (u. a. Elizabeth Freeman, Jack Halberstam, Lee Edelman) fragt das Seminar, wie Zeit mit Sexualität, Geschlecht, Körpern, Macht und Geschichte verschränkt ist.
Im Zentrum stehen literarische Texte aus dem slavischen und mitteleuropäischen Raum, darunter Ahatanhel Krymskyjs Bejruts’ki opovidannja (Beiruter Erzählungen, 1906-07), Jirí Mordechai Langers Devet bran (Die neun Tore, 1937), Viktor Petrovs (V. Domontovyc) Anti-Bildungsroman Divcyna z vedmedykom (Das Mädchen mit dem Bären, 1928), Witold Gombrowicz’ Ferdydurke (1937) sowie Olga Tokarczuks Bieguni (Unrast, 2007), die unterschiedliche Formen nicht-linearer Entwicklung, kultureller Gleichzeitigkeit und anti-teleologischer Lebensentwürfe sichtbar machen. Gegenwartsliteratur erweitert diese Perspektive durch Oksana Vasyakinas Rana (Die Wunde, 2021), Eugenia Kuznetsovas Драбина (Die Leiter, 2023), Yuriy Yaremas Teplo yoho dolon (Die Wärme seiner Hände, 2015), Tania Arcimovichs Manifest toj, jakaja zhubila svoj sad (Der Garten im Kopf, 2025), Katerina Silvanova und Elena Malisovas Leto v pionerskom galstuke (Du und ich und der Sommer, 2021), Mikita Frankos Lozʹ (Die Lüge, 2020), Wlada Kolosowas Fliegende Hunde (2024), Sergei Davydovs Springfield (2023) sowie Rafael Grugmans Netradicionnaja ljubovʹ (Unkonventionelle Liebe, 2018), in denen Trauma, Migration, intime Beziehungen und queere Lebensweisen alternative Zeitordnungen jenseits normativer Zukunftserwartungen entwerfen. Die Texte werden daraufhin gelesen, wie sie imperiale, nationale oder moralische Zeitregime irritieren und nicht-normative Formen von Erfahrung und Existenz sichtbar machen – auch dort, wo Sexualität nicht explizit thematisiert wird.
Die politische Aktualität des Themas ist dabei evident: Fragen queerer Temporalität stehen gegenwärtig im Zentrum internationaler Forschung, werden zugleich jedoch zunehmend politisiert. Während entsprechende Inhalte an Universitäten in Russland und Belarus inzwischen weitgehend nicht mehr gelehrt werden dürfen und auch in Teilen der USA unter wachsendem institutionellen Druck stehen, gewinnt ihre wissenschaftliche Reflexion neue gesellschaftliche Relevanz. Vor diesem Hintergrund findet am 2. und 3. Juli in Berlin am Forum Transregionale Studien eine von meinem Lehrstuhl organisierte internationale Konferenz zum Thema „Queer Temporalities” mit führenden internationalen Wissenschaftler:innen statt, deren Fragestellungen das Seminar unmittelbar aufgreift und weiterführt.
Freeman, Elizabeth: Time Binds: Queer Temporalities, Queer Histories. Durham, NC: Duke University Press, 2010.
Lee Edelman: No Future. Queer Theory and the Death Drive. Durham, NC: Duke University Press, 2004.
Judith and Jack Halberstam: In a Queer Time and Place. Transgender Bodies, Subcultural Lives. New York: New York University Press, 2005.
Bachelormodule: 3 LPReferat: 20–25 Minuten
Mastermodule: je nach Modul 3LP, 4 LP oder 5 LPReferat: 20–25 Minuten
StudiumPlus Modul Ba-SK-P-1Variante I: 3 LP 20-minütiges ReferatVariante II: 6 LP Hausarbeit im Umfang von 15 Seiten
© Copyright HISHochschul-Informations-System eG